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Kurzgeschichte Gewöhnlich
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Gewöhnlich

 

In Gewöhnlich, nun ja, Sie können es sich wohl denken, ging es im Allgemeinen doch recht gewöhnlich zu. Stellen Sie sich eine Stadt gewöhnlicher Größe und von gewöhnlichem Flair vor. Ein Ort an dem Sie nicht nur Ihre Nachbarn, sondern gleich die ganze Straße kennen, zu Ihren Geburtstagen einzuladen haben und gemeinsam dafür Sorge tragen das alles im Großen und Ganzen beim Gewöhnlichen bleibt.

Für gewöhnlich bedeutet dies, dass Sie mit Ihrer Familie in einem gewöhnlichen Häuschen mit Garten wohnen, die Kinder morgens zur Schule bringen, selbst einer geregelten Arbeit nachgehen und an den Wochenenden den gewöhnlichen, gesellschaftlichen Anlässen beiwohnen. Sei es der Brettspielclub, eine offizielle Sitzung der Nachbarschaftswache oder des Festkomitee zur Vorbereitung des jährlichen Gewohnheitsfestes. 

 

Allerdings war auch nicht alles gewöhnlich in Gewöhnlich. Einige Dinge waren ganz und gar außergewöhnlich. Zum einen gab es einen ganz außergewöhnlichen Zoo, mit einer sehr bunten und exotischen Auswahl an Tieren, der über die Stadtgrenzen hinaus berühmt war. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass es am Stadtrand ein ganz neues Viertel gab, in dem jetzt glitzernde Türme standen. In ebenjenen Hochhäusern gab es allerlei Büros, in denen wertvolle Geschäfte erledigt wurden. Besonders stolz war man in Gewöhnlich darauf, dass sogar ehrenwerte Geschäftsleute aus den Metropolen ihre Geschäfte in ebenjenen Hochhäusern erledigten. Denn für gewöhnlich konnte man sich auf die Menschen in Gewöhnlich eben verlassen.

 

Es gab also Gewöhnliches und Außergewöhnliches in Gewöhnlich. Nur Ungewöhnliches, das sah man hier äußerst selten. Wer wollte auch schon so etwas tun? Damit würde man in Gewöhnlich ja sofort auffallen, und wenn es nichts Außergewöhnliches war, dann sollte man dies besser vermeiden. Was die Nachbarn wohl über einen reden würden. Oder noch schlimmer, Ihr ungewöhnliches Tun bekäme einen Artikel im Gewohnheitsblatt. Dann wüsste die ganze Stadt davon und dann war man wirklich ein Ungewöhnlicher. Und wie das endete, das können Sie sich vermutlich denken. Also, vielleicht sollte ich es doch kurz erläutern. Es würde natürlich niemand etwas Unanständiges mit einem Ungewöhnlichen machen, keine Sorge. Nur ist es so, dass alle Ungewöhnlichen binnen weniger Monate die Stadt Gewöhnlich verlassen und umziehen, in die Nachbarstädte, die Metropolen oder sogar - stellen Sie sich das einmal vor - in andere Länder! Nicht das die Bewohner von Gewöhnlich Ihnen groß nachtrauern würden. Hier blieb man eben doch lieber beim Gewöhnlichen, hin und wieder mit einer Prise Außergewöhnlichem. 

 

Alle paar Jahre passierte aber doch etwas “Ungewöhnliches” in Gewöhnlich. Während dies meist wieder in Vergessenheit gerät, möchte ich Ihnen von einer Begebenheit berichten, die ungewöhnlich und außergewöhnlich zu gleich war - und die in Gewöhnlich niemand so schnell vergessen wird.

 

Alles begann mit dem Tod einer Frau. Und es geht auch nicht um den Tod an sich, der war allem Ermessen nach nämlich absolut gewöhnlich. Viele kannten die Dame als Frau von Honigstein, einige auch als Elfriede und ihre außergewöhnlich engen Freunde durften Sie auch Ellie nennen. Elfriede von Honigstein, Ihres Zeichens Biologielehrerin an der städtischen Schule verstarb eines frühen Morgens, als Sie aus Ihrem geruhsamen Schlaf nicht mehr aufwachte.

 

Ihr Tod brachte viel Trübsal, besonders in der Schule. Unter den Lehrerkolleginnen war Sie sehr angesehen und auch bei Schülerinnen und Schülern außerordentlich beliebt. Aufgrund Ihres Alters von stolzen 86 Jahren war Sie vielen Menschen in Gewöhnlich bekannt und stets hoch geschätzt. Das Gewohnheitsblatt widmete ihr eine ganze halbe Seite - eine wirklich außergewöhnliche Ehre - und am Tage Ihrer Beerdigung war es, als hinge ein Nebel von Schwermut über der Stadt.

 

Bei Ihrer Beisetzung herrschte großer Andrang, so wie es in Gewöhnlich nun mal gewöhnlich war, wenn von einer außergewöhnlichen Person Abschied genommen wurde. Anstatt mit Ihnen die prominenten Trauergäste durchzugehen, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit eher auf ein ungewöhnliches Detail lenken, nämlich auf eine Person, die nicht zur Beerdigung erschien, obwohl Sie nach gewöhnlichen Maßstäben allen Grund gehabt hätte von Elfriede Abschied zu nehmen. Aber ich sagte ja schon, in dieser Geschichte geht es um das Ungewöhnliche. Ich spreche übrigens von Joseph. 

 

Joseph, der ebenfalls schon sein 85. Lebensjahr erleben durfte, war mit Elfriede nicht nur sehr gut bekannt, die beiden waren enge Freunde seit Ihren Jugendtagen und waren sich stets sehr vertraut. Sie waren kein Paar, falls Sie sich das Fragen. Und warum das so ist, das soll hier auch keine Rolle spielen. Trotzdem waren Joseph und Elfriede sich sehr nah, die beiden hüteten nämlich ein Geheimnis. Ohne Elfriede wusste nur noch Joseph davon. Das wäre erstmal nicht weiter tragisch, er könnte es ja theoretisch aufschreiben, denn trotz seines hohen Alters verfügte er nach wie vor über eine außergewöhnlich tadellose Handschrift. Aber dieses Geheimnis war nichts, das man aufschreiben konnte. Eher etwas, dass Joseph und Elfriede taten. Und an dieser Stelle muss ich wohl erwähnen, dass damit keine körperlichen Vergnügungen gemeint sind.

 

Ich erwähnte ja bereits, dass Elfriede von Honigstein als Biologielehrerin an der hiesigen Schule tätig war. Selbstverständlich brachte Sie Ihren Schülern das gewöhnliche Wissen aus den Biologiebüchern bei. Als außergewöhnliche Lehrerin allerdings gab Sie sich damit freilich nicht zufrieden, sondern gab jeder Schülerin, jedem Schüler zusätzlich ein Sonderprojekt. Und zwar bekam jede Schülerin, jeder Schüler zu Beginn des Schuljahres ein kleines Töpfchen mit Erde, darin eine zarte Pflanze oder erste Triebe. Die Aufgabe lautete die Pflanze zu hüten, hegen und zu pflegen, so gut Sie es eben konnten.

 

Und diese kleinen Pflanzen, waren ein Teil des Geheimnis von Elfriede und Joseph, denn es waren nicht irgendwelche Pflanzen aus einem gewöhnlichen Blumenladen. Joseph war es, der sie bereitstellte, was auf den ersten Blick auch nicht ungewöhnlich zu sein scheint. Aber es waren keine gewöhnlichen Pflanzen, sie waren allemal außergewöhnlich, nur wusste das eben niemand. Elfriede und Joseph taten ihr möglichstes, damit es dabei blieb. Denn wenn jemand mehr über die Pflanzen und Ihre Herkunft wüsste, dann würden Sie ganz bestimmt als Ungewöhnliche gelten. Das durfte selbstredend nicht passieren, denn die beiden hatten ein gemeinsames Ziel - man könnte auch sagen, einen gemeinsamen Traum.

 

Und da wären wir wieder bei dem Geheimnis. Ihren gemeinsamen Traum konnte Joseph nicht allein erfüllen. Die Pflanzen waren nicht das Problem, davon gab es in Gewöhnlich wahrlich genug. Er wusste ja, wo er Sie finden würde. Aber ohne Elfriede, so fürchtete er, gab es keine Möglichkeit mehr, dass sich die Kinder um die Pflanzen kümmerten - und das, so hatten beide immer gewusst, war doch das Entscheidende. Und so trauerte Joseph nicht nur um Elfriede, seine gute Freundin, sondern auch um den gemeinsamen Traum. Das betrübte ihn so sehr, dass er sich nicht unter die Trauergesellschaft mischen wollte. Von Elfriede Abschied nehmen konnte er auch noch an einem anderen Tag. So verbrachte er den Tag der Beerdigung, vielmehr damit zu grübeln und zu überlegen, wie er es anstellen konnte die Pflanzen weiterhin in die Obhut der Kinder zu bekommen.

 

 Aufgeben war für Joseph keine Option. Es hätte auch nicht zu seiner Natur gepasst, denn immerhin hatte er schon einen großen Krieg miterlebt, und zwar einen Echten, mit Waffen, Wunden und allerlei Unschönem. Und so beschloss er, ein Gespräch mit der neuen Biologielehrerin zu suchen. Denn Biologie gehörte nun mal zu den gewöhnlichen Unterrichtsfächern und so war die Stelle schnell nachbesetzt. Mit einer jüngeren Lehrerin, die aber versprach ebenso fürsorglich mit den Schülerinnen und Schülern umzugehen, wie es Frau von Honigstein ihr Leben lang getan hatte. Als Joseph das hörte, keimte in ihm eine leise Hoffnung, dass die außergewöhnlichen Pflanzen auch weiterhin Ihren Weg zu den Kindern fanden. Wie er sich nur täuschen sollte. 

 

Die neue Biologielehrerin Frau Zollstock war nämlich überhaupt kein Fan der außergewöhnlichen Unterrichtsmethode von Frau von Honigstein. Nicht das Sie keine Pflanzen mochte. Es war vielmehr so, dass ihr Sohn ein ehemaliger Schüler von Frau von Honigstein war und als ebenjener auch eine Pflanze hüten und pflegen durfte. Er hatte außerordentliches Geschick bewiesen, was Frau Zollstock zuerst äußert stolz gemacht hatte. Dann allerdings begann ihr Sohn die Pflanze, welche sich als farbenprächtige Vergissmeinnicht entpuppte, abzuzeichnen und auszumalen. Anfangs tat Frau Zollstock dies als engagiertes Kunstprojekt ab, mit der Zeit musste Sie aber mit Erschrecken feststellen, dass ihr Sohn seine freie Zeit ausschließlich der Malerei, anfangs von Blumen, dann von anderen Gegenständen widmete. Das sein Kunstlehrer Herr Farbenpracht ihn lobte und ihm ein außergewöhnliches Talent bescheinigte, konnte Frau Zollstock auch nicht milde stimmen, denn die Noten in den anderen Fächern begannen zu leiden. Und nicht nur ein wenig, sondern in einem solch ungewöhnlichen Ausmaß, das darüber diskutiert wurde, den Sohn auf eine andere Schule, außerhalb von Gewöhnlich schicken zu müssen. Und das war, wie Sie sich mittlerweile sicher vorstellen können, etwas sehr Ungewöhnliches in Gewöhnlich und für den Sohn einer Lehrerin zudem auch ausgesprochen peinlich. So war es wenig überraschend, dass Frau Zollstock die Bitte von Joseph entschieden ablehnte. Nun, für Joseph war es selbstredend überraschend und auch betrüblich, er wusste aber auch nicht über den Sohn Bescheid, der mittlerweile nicht mehr in Gewöhnlich wohnte.

 

Ihm blieb allerdings keine Zeit Trübsal zu blasen, denn die Pflanzen zu den Kindern zu bekommen, das war die eine Sache. Die andere war es die Pflanzen zu finden. Man könnte meinen, solch besondere Pflanzen wachsen an einem ebenso ausgefallenen Ort. Doch eigentlich war es eher ein recht gewöhnlicher Ort, ein Ort den es so gut wie in jeder Stadt gibt und damit selbstredend auch in Gewöhnlich. Es ist sogar ein Ort, an dem es für gewöhnlich viele Pflanzen gibt. Und bevor ich fortwährend drumherumrede, lassen Sie mich Ihnen doch einfach zeigen wann und wo Joseph die Pflanzen findet.

 

Für gewöhnlich tat Joseph dies mitten in der Nacht, was erstmal ungewöhnlich erscheinen mag, zumal für einen älteren Herren dessen Sehkraft naturgemäß etwas nachgelassen hat. Allerdings gab es gute Gründe, dass Joseph die dunkelsten Stunden wählte, um die Pflanzen aufzuspüren. Einerseits wäre da die Örtlichkeit zu nennen, denn es ist nun mal sehr ungewöhnlich, Pflanzen auf einem Friedhof zu pflücken. Ja, Sie haben richtig gelesen. Joseph fand die Pflanzen ausschließlich auf dem Friedhof der Stadt Gewöhnlich. Und wenn Sie nun darüber nachdenken, dass es doch erwiesenermaßen eher ungewöhnlich ist, nachts auf einem Friedhof Blumen zu pflücken, so würde der alte Joseph Ihnen sicherlich zustimmen. Nur was es nun mal so, dass die besonderen Pflanzen eben nur dort wuchsen - und um es genauer zu sagen, wuchsen Sie auch nur auf den Gräbern. Wenn also jemand einen alten Herren sehen würde, der an fremden Gräbern Pflanzen ausgräbt, so würde man ihn doch sicher direkt als einen Ungewöhnlichen titulieren? Das galt es für Joseph tunlichst zu vermeiden. Bevor Sie sich, verehrte Leserin, verehrter Leser, nun schon eine neue Meinung über Joseph bilden, lassen Sie mich meine Ausführungen zu diesen nächtlichen Aktivitäten bitte noch beenden. Bei den Pflanzen, die der alte Joseph pflückt, handelt es sich nämlich in keiner Weise um Grabschmuck oder sonstige, extra für den Zweck der Verschönerung, gesetzte Blumen. Nein, es waren meist kleine Triebe und Sprösslinge - für unsereins nicht mehr als lästiges Unkraut. 

 

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Grund, weshalb Joseph explizit nachts unterwegs war. Da er alleine auf dem Friedhof war, konnte er sich ganz ungestört auf seine Aufgabe konzentrieren. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Joseph diese außergewöhnlichen Pflanzen nicht am Aussehen erkannte, sondern eher erfühlte. Rein äußerlich sahen Sie anderen Pflanzen, Blumen oder Arten von Unkraut zum Verwechseln ähnlich. Aber Joseph konnte Sie erspüren, auch wenn er selbst nicht erklären kann, woher diese Gabe stammte, so vernahm er doch bei einigen Trieben ein außergewöhnliches Pulsieren, ganz als würden diese zarten Triebe ihn um Hilfe ersuchen. Falls Sie sich nun Fragen, wie es ist das Pulsieren einer zarten Pflanze zu erspüren, so können Sie es gerne mal ausprobieren. Sie werden dem alten Joseph sicherlich zustimmen, dass dafür ein außergewöhnliches Maß an Konzentration notwendig ist. Und die erlangte er eben nur, wenn er nächtens allein vor den Gräbern kniete und die Hand auf die Erde legte. Ungestört.

 

Und genau so tat er es in eben jener Nacht, die alles verändern sollte. Nachdem Joseph am Grab von Elfriede gewesen war und die Worte gemurmelt hatte, die er am Abend vorher auf ein Stück Papier notiert hatte, damit er genau wusste, was er seiner guten Freundin zum Abschied sagen wollte, begab er sich zum Grab von Fräulein Hochnas, die vor ein paar Wochen in Ihrer Stadtvilla endgültig eingeschlafen war. Seit über 30 Jahren spürte Joseph nun die Pflanzen auf und mittlerweile hatte er schon eine gute Ahnung auf welchen Gräbern Sie wachsen würden. Nicht bei seiner guten Elfriede, nein, dort sicher nicht. Aber das Grab der außergewöhnlich wohlhabenden, ansonsten aber sehr gewöhnlichen Frau Hochnas schien ihm eine gute Adresse zu sein. Er erinnerte sich noch gut an die ganzseitige Todesanzeige im Gewohnheitsblatt, die der Witwer Ernst Hochnas ihr gewidmet hatte. Das Frau Hochnas in sehr jungen Jahren eine außergewöhnlich gute Violinistin gewesen war, war Joseph vorher nicht bekannt gewesen. Er kannte Sie nur als devote Persönlichkeit des allseits bekannten Hochnas-Clans, in den Sie eingeheiratet hatte.

An ebenjenem Grab knieend und die Hand sachte über die Erde streichelnd, versank Joseph in seiner gewohnten, konzentrierten Ruhe. Er spürte das bekannte Pulsieren, grub seine Finger ganz sachte in die Erde und förderte einen kleinen Sprössling zu Tage. Seine Intuition hatte ihm mal wieder Recht gegeben.

 

Doch wie der Zufall so wollte, sollte in dieser Nacht nicht alles seinen gewohnten Gang gehen. Es war nämlich so, dass Joseph ausnahmsweise nicht alleine auf dem Friedhof war. Das lag daran, dass die Jugendlichen in Gewöhnlich nicht sonderlich begeistert von diesem Übermaß an Gewöhnlichem waren und sich daher dazu entschlossen, ihre Zeit auch mal anderweitig zu vertreiben. Um nicht als ungewöhnlich angesehen zu werden, führten Sie Ihre sogenannten Mutproben eben nachts durch. Und so kam es, dass einer der Jugendlichen, die über den Friedhof schlichen, über den alten Joseph stolperte, der gedankenversunken vor dem Grab von Fräulein Hochnas kniete. Und als sich der kollektive Schrecken legte, kamen die Jugendlichen nicht umhin mit Ihren Smartphones, die üblicherweise eine Kamera besitzen, ein paar Fotos von dem alten, komischen Herrn zu machen, den Sie für einen kurzen Moment wahrhaftig für einen Geist gehalten hatten. Mit erheiterndem Geschrei ließen Sie den verdutzten Joseph zurück, der auf dem Heimweg bereits ahnte, dass es wohl eher eine schlechte Nachricht sei, das man ihn entdeckt und dann auch noch fotografiert hatte.

 

Zudem war es so, dass einer der jungen Männer die an dieser Mutprobe teilnahmen, niemand geringeres als der Sohn von Herrn Auflage war, dem Herausgeber des Gewohnheitsblattes. Und als Familie Auflage am folgenden Tage, wie es sich für einen gewöhnlichen Sonntagmorgen nun mal gehörte, gemeinsam am Frühstückstisch speiste, konnte Auflage Junior nicht umhin stolz zu berichten, dass er etwas gesehen hätte, was sich als ungewöhnliche Story eignen würde. An dieser Stelle müssen Sie verstehen, das im Gewohnheitsblatt gewöhnliche Geschichten, hin-und wieder auch außergewöhnliche Geschichten Ihren Platz fanden. Ungewöhnliche Geschichten allerdings, das wusste mittlerweile die ganze Familie, sorgten für einen außergewöhnlich hohen Verkaufserfolg des Gewohnheitsblattes. Und in Aussicht einer Belohnung durch seinen Vater präsentierte er stolz das Foto, welches er in tiefer Nacht auf dem Friedhof gemacht hatte. Und den alten Joseph, kniend vor dem Grab von Frau Hochnas, mit Händen voller Erde, die er offenbar eben jenem Grab entnommen hatte, zu sehen das war nun wirklich etwas Ungewöhnliches. Das musste auch Frau Auflage wohlwollend zur Kenntnis nehmen und freute sich bereits so sehr, dass ihr Gatte Sie in ein außergewöhnliches Restaurant ausführen würde, wie er es für gewöhnlich tat, wenn er eine ungewöhnliche Schlagzeile drucken konnte, dass Sie ganz vergaß, Ihren Sohn für den nächtlichen Friedhofsbesuch zu tadeln.

 

Bereits am nächsten Tage erschien im Gewohnheitsblatt ein ganzseitiger Artikel samt Foto über diesen ungewöhnlichen alten Herrn, der sich offenbar nachts auf dem Friedhof herumtrieb, die Totenruhe störte und sich sogar an den Gräbern zu schaffen machte. Ein Hinweis auf die Herkunft des Fotos blieb dem Artikel fern, aber dafür interessierte sich in ganz Gewöhnlich auch niemand. Vielmehr war die Identität dieses Mannes von außerordentlicher Wichtigkeit, da war man sich am Montagmorgen, auf dem Weg zur Arbeit, egal ob im Auto oder im Bus in der ganzen Stadt einig. Solch eine ungewöhnliche Tat durfte nicht unbestraft bleiben. Leider war das Foto nicht von guter Qualität, es wurde ja auch schließlich nachts aufgenommen, sodass am Ende des Artikels ein Aufruf stand, sachdienliche Hinweise bitte direkt bei der Polizei zu melden. Möglicherweise hoffen Sie nun, das der alte Joseph Glück habe und ihn niemand erkennt, aber dem war nicht so. Er lebte zwar sehr zurückgezogen und außer Elfriede von Honigstein pflegte er kaum weitere soziale Kontakte, allerdings war er Frau Zollstock, der neuen Biologielehrerin noch bestens in Erinnerung. Und Sie meinte ihn zu erkennen, woraufhin die Polizei Joseph in seinem kleinen Haus, am Rande von Gewöhnlich einen Besuch abstattete. Nicht auf eine Tasse Kaffee, sondern um ihn zu dieser ungewöhnlichen Angelegenheit zu befragen. Eine Frage mussten Sie allerdings nicht stellen, denn Joseph war es Leid das Geheimnis zu bewahren. Ohne Elfriede war die Geheimniskrämerei ohne Wert, er konnte es nicht mehr alleine bewerkstelligen, das hatte er Elfriede in der Nacht am Grab auch zugeflüstert. Er wartete nur noch auf den richtigen Moment und dieser, so schien ihm, war recht nah, als die beiden Polizeibeamten an seine Tür klopften.

 

Die Details seiner Verhaftung möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen und ihre Aufmerksamkeit auf Josephs Anhörung lenken. In einer Stadt, in der eben viel Gewöhnliches passiert, ist so eine Art Anhörung unter Vorsitz des Richters Mäßig eine außergewöhnliche Angelegenheit, zu der nicht nur Journalisten des Gewohnheitsblattes aufschlagen, sondern auch ganz gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger, die an jenem Samstagmittag Interesse daran zeigten, wie diese doch sehr ungewöhnliche Sache denn nun ausgeht. 

Und nachdem der ehrenwerte Richter die Anhörung eröffnet hatte, indem er Josephs Verfehlung nochmals darstellte, und darauf hinwies, dass es darum ginge zu beraten, wie mit diesem Verhalten umzugehen sei und ob man Joseph fortan als einen Ungewöhnlichen bezeichnen solle, erteilte er ebenjenem das Wort. Zwar hatte Joseph seinen nächtlichen Ausflug auf den Friedhof bereits gestanden, für die Anwesenden war es aber ebenso wichtig zu verstehen warum er dieses ungewöhnliche Verhalten, nun ja, an den Tag gelegt hatte. 

 

“Nun denn, Ihrer Anklage Richter Mäßig ist insofern nichts mehr hinzuzufügen, als das Sie korrekt beschrieben haben, dass ich in ebenjener Nacht auf dem Friedhof, vor dem Grab von Frau Hochnas gekniet habe. Und ja, ich habe ein wenig die Erde umgegraben und beabsichtigt eine kleine Pflanze von dem Grab zu entfernen. Ich tue dies übrigens seit ca. 30 Jahren, falls Sie das interessiert.”

 

Als die Anwesenden dies hörten, war man sich rundherum einig das der alte Joseph am Ende der Anhörung ganz offiziell ein Ungewöhnlicher sein werde. Manch einer murmelte, dass man dies hätte kommen sehen müssen. Immerhin war der alte Joseph nach dem Tod seiner Frau vor gut drei Jahrzehnten nicht mehr derselbe gewesen. Er hatte sich doch ungewöhnlich häufig in seine Wohnung zurückgezogen.

“Warum tun Sie dies seit ungefähr 30 Jahren?”, hakte Richter Mäßig in außergewöhnlich professioneller Manier nach.

 

“Dabei handelt es sich in der Tat um ein Geheimnis, das ich und die gute Elfriede von Honigstein in den vielen Jahren gehütet haben. Ich darf Ihnen aber die frohe Kunde überbringen, dass ich gedenke das Geheimnis heute zu lüften, denn ohne Ellie, so musste ich feststellen, macht die Geheimniskrämerei wenig Sinn.

Zuallererst müssen Sie bitte verstehen, das ich nicht blindlings in den Gräbern wühle und Pflanzen herausrupfe. Ich betreibe keine Grabschänderei oder wie sie das genannt haben. Es ist aber eben so, dass es sich um äußerst wertvolle Pflanzen handelt und ich es als meine Aufgabe angesehen habe Sie zu schützen und am Leben zu halten.”

 

Die Anwesenden rollten mit Ihren Augen. Joseph war offensichtlich nicht nur ein Ungewöhnlicher, scheinbar war es um sein Seelenheil nicht mehr allzu gut bestellt. Auch der Richter schien überrascht ob dieser offenkundigen zur Schaustellung von ungewöhnlichen Gedanken. Nichtsdestotrotz fragte er nach wie Joseph denn auf diese, recht eigenwillige Betrachtung käme.

 

“Das ist recht einfach zu erklären, möchte ich doch meinen. Denn wenn Sie einmal verstanden haben, dass diese Pflanzen ausschließlich an den wertvollsten Orten der Welt wachsen, dann leuchtet es ein, dass Sie von außergewöhnlichem Wert sind.”

 

Und das war eine weitere, sehr ungewöhnliche Aussage, da war man sich einig. Denn die Blumen stammten weder von der Wiese um den See, inmitten der glitzernden Häuser, in denen die wertvollen Geschäfte gemacht wurden, noch aus dem außergewöhnlichen Blumenladen von Herrn Vornehm. Und Sie stammten auch nicht aus dem Vorgarten des Bürgermeisters. Es gab also keinen Grund, anzunehmen, dass es sich wirklich um besonders wertvolle Blumen handeln sollte, und schon gar nicht, dass Sie von dem wertvollsten Ort der Welt kommen sollten. Und überhaupt, hatte man ihn nicht nachts auf dem Friedhof erwischt?

 

Doch Joseph fuhr unbeirrt fort und sagte etwas, das äußerst ungewöhnlich und gleichermaßen außergewöhnlich war.

“Ja, sie haben ganz richtig gehört, ich spreche von den wertvollsten Orten. Ich spreche von all den Friedhöfen dieser Welt.”

 

Als Joseph vor lauter Aufregung kurz ein Schluck Wasser trinken musste, sah er in die Gesichter der versammelten Menge. Und all die Einwohner von Gewöhnlich bedachten ihn mit eben jenem Blick, den Sie aufsetzen, wenn Sie etwas Ungewöhnliches sehen. Also räusperte er sich und fuhr fort:

 

“Denn dort liegen all die Bücher begraben, die nie geschrieben wurden, all die Lieder, die nie komponiert wurden, all die Kunstwerke die nie gemalt wurden, all die Firmen die nie gegründet wurden, all die Liebesbriefe die nie abgeschickt wurden, all die Erfindungen die nie konstruiert wurden, all die… Dort liegen all die Träume begraben, die nie verwirklicht wurden.”

 

Da sich niemand traute auf Josephs Ausführungen zu reagieren, fand er, es sei angemessen, fortzufahren.

 

“Sie müssen bitte eines verstehen. Träume, ganz egal welcher Prägung, haben nur ein Ziel. Sie möchten leben. Und ich habe es als meine Aufgabe angesehen, den Träumen dabei zu helfen. Ich habe die kleinen Sprösslinge in meine Obhut genommen und Elfriede hat Sie an die Kinder dieser Stadt verteilt. Übrigens aus dem Grund, dass wir Kinder für die fähigsten Menschen halten, Träume am Leben zu halten.

Und wenn ich jetzt noch so frei sein dürfte, mir etwas zu wünschen, so wäre es mir sehr recht, wenn ich nicht weiterhin dafür sorgen müsste Träume zu retten und am Leben zu halten, sondern wir alle damit beginnen würden unsere Träume zu leben.”

 

Und als der alte Joseph endete, war weiterhin Stille. Niemand traute sich, etwas zu sagen, niemand war sich sicher ob das, was er gerade gehört hatte nun etwa ungewöhnlich oder doch außergewöhnlich war. Zumindest waren sich alle einig, dass es nicht gewöhnlich war. Auch der ehrenwerte Richter Mäßig fand keine entsprechenden Worte. 

 

Es war die kleine Hannah Hochnas, deren Großmutter jüngst verstorben war, welche die Stille durchbrach, als Sie aufsprang und mit auseinandergespreizten Armen verkündete, sie wolle Geige spielen lernen. Im Keller hätte Sie das Instrument Ihrer Oma gefunden und es wäre doch schade es einfach so verstauben zu lassen. Bevor Ihr Vater, Eduard Hochnas, Sie ermahnen konnte, sprang ihr die Musiklehrerin Frau Melodie zur Seite und bat ihr Unterrichtsstunden an. Sie sei immer sehr betrübt gewesen, dass Geige spielen nicht zum gewöhnlichen Curriculum des Fachs Musik gehörte, wo Sie es doch so gerne anbieten würde. 

Und während die kleine Hannah mit einem außergewöhnlich großen Grinsen wieder Platz nahm, stand zwei Reihen hinter ihr ein junger Mann auf. Es war Jonathan, der Sohn von Herrn Vornehm, dem Besitzer des Blumenladens. Er berichtete davon, dass er gerne eine Weltreise zu den anderen Kontinenten unternehmen würde. Die Idee sei ihm gekommen, als er seine eigene Pflanze, aus dem Sonderprojekt von Frau von Honigstein gepflegt hatte. Bei der Recherche im Internet sei ihm aufgefallen, dass diese Pflanze eigentlich nicht heimisch in diesen Gefilden ist, sondern aus weiter Ferne stammt. Gerne würde er dorthin reisen, aber das sei schwierig mit seiner Arbeit im Laden seines Vaters zu vereinbaren, den er zudem auch bald übernehmen sollte. Und für gewöhnlich reisten die Einwohner von Gewöhnlich ja auch nicht in die Ferne, dort ginge es ja meist sehr ungewöhnlich zu - so hörte man zumindest. 

Herr Tierlieb gab Jonathan einen sachten Klaps auf die Schulter und flüsterte ihm zu, dass er sich seinen Traum ruhig mal erfüllen sollte. Er selbst hatte als Besitzer des Zoos nie Zeit gefunden, die Heimat seiner exotischen Tiere mit eigenen Augen zu sehen und in seinem Alter sei eine solche Reise leider nicht mehr zu stemmen. Aber er wolle nicht verzagen und gab zum Besten, dass er seit einigen Jahren davon träumte, dass die fernen Länder eben zu ihm kommen würden - und zwar in Form von landestypischen Desserts. Fotos konnte man ja zu Genüge finden, aber den wahren Schatz einer Nation fand man doch wohl in der Kulinarik und ob sich jemand finden lassen würde, der ihm dabei helfen würde?

 

Als sich immer mehr Einwohner von Gewöhnlich erhoben und ihre Träume teilen wollten, überlegte Richter Mäßig, ob er nicht zu Ruhe und Ordnung mahnen sollte. Er bemerkte allerdings, dass es ihm außergewöhnliche Freude bereitete den Geschichten und Träume seiner Mitbürger zu lauschen.

 

Es folgte noch allerlei Austausch und Diskussionen, die ich Ihnen in Gänze ersparen möchte. Nur so viel sei gesagt: Die Bürgerinnen und Bürger von Gewöhnlich fanden großen Gefallen an der Träumerei und so wurde beschlossen, das ab dem heutigen Tage außergewöhnliche Träume zu einem gewöhnlichen Leben nun mal dazugehören und jedwede Phantasterei nicht mehr ungewöhnlich war. Sie seien die “glänzenden Kirschen auf dem saftigen Kuchen” wie die Konditorin Frau Schnuckel meinte und für ihre passende Bemerkung mit wohlwollendem Nicken bedacht wurde. 

Von nun an gehörte es zu den gewöhnlichen Pflichten eines jeden Menschen in Gewöhnlich, neben einer gewöhnlichen Steuererklärung auch eine persönliche Traumerklärung abzugeben. Diese diene dazu, nachzuweisen, welche Träume in Gewöhnlich gelebt werden wollten. Bürgermeister Kugelrund versprach, dass augenblicklich eine fähige Person gefunden werden sollte, die damit betraut war sich um diese Angelegenheit zu kümmern. 

In diesem Moment hob Joseph seine Hand, nicht um darauf hinzuweisen das er gerne etwas sagen möchte, denn in den letzten Stunden war er doch erstaunlich ruhig für jemanden auf der Anklagebank gewesen. Aber Joseph hatte gar keine Notwendigkeit gesehen, da sich die Sache aus seiner Sicht doch recht prächtig entwickelte. Nein, er hob die Hand, um zu signalisieren, dass er gerne das Amt übernehmen würde. Er war zwar nicht mehr der Jüngste, aber da er sich nun nicht mehr darum kümmern musste, Träume zu retten, könne er auch gleich die neue Stelle übernehmen. Zeit habe er ja dann jetzt genug und so einen richtigen Job, mit Stuhl und Schreibtisch den hatte er immer schon mal haben wollen. Seine Knochen würden es ihm sicher auch danken. Als sogenannter Traumminister war es fortan seine Aufgabe zu prüfen, wie die Stadt Gewöhnlich ihre Einwohner bei dem Leben Ihrer Träume unterstützen könne. Da würde ihm schon was einfallen, meinte er. 

Unnötig zu erwähnen, dass Joseph damit auch nicht als Ungewöhnlicher eingestuft wurde und die Anklage wegen ungewöhnlichem Verhalten auf der Stelle fallengelassen wurde. Davon bekam Frau Zollstock im Übrigen nichts mehr mit, man hatte Sie bereits vor einiger Zeit unter Tränen aus dem Saal stürzen sehen. Es hieß, sie wolle Ihren Sohn anrufen, der - falls Sie sich das gefragt haben - in einer der Metropolen, zusammen mit anderen „Künstlern“ in einem sogenannten Atelier wohnte und seine Zeit mit der Malerei verbrachte. 

Zudem wurde das Wort „Ungewöhnlich“ aus dem gewöhnlichen Wortschatz der Stadt Gewöhnlich gestrichen. Man sprach von nun an nur noch von Außergewöhnlichem, sollte es sich um Etwas handeln, was eben nicht gewöhnlich sei.

 

Und damit, geneigte Leserin, geneigter Leser, wünsche ich Ihnen eine traumhafte Heimreise.

 

 

 

 

 

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Ich freue mich über jede anständige Form von Lob, Kritik und Feedback.

 

Gerne auch über deine persönliche Traumerklärung!

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